Wahre Nettigkeit

An einem Tag sah ich ein Eiscafé und wollte dort mal Eis essen. Ich habe mir alle Eissorten in dem Eiscafé genau angeschaut. Ich habe mich am Ende für drei Kugeln entschieden, hatte aber nur Geld für höchstens zwei Kugeln. Ich bezahlte für diese zwei Kugeln, hatte aber noch - natürlich als wieder mal ein Problem von mir typisch - diese dritte Kugel Eis im Hinterkopf bzw. im Hintergrund in meinen Gedanken, die ich noch unbedingt einmal im Leben essen wollte.

Wochen später ging ich heute wieder mal mit genießerischer Lust auf Koffein zu meinem Stammcafé (ein anderes Café, mein Lieblingscafé, siehe voriger Artikel). Ich hatte heute Lust (aber auch wie sonst immer GROßE Lust) auf: Espresso macchiato Indien. Ich hatte diesmal leider nur - und das war mir noch NIE bisher passiert - weniger Geld in meinem Portemonnaie dabei, als für den eigentlichen Betrag, den ich für meinen Espresso macchiato brauchte. Der Unterschied waren zwar nur 20 Cent, aber selbst das kann für je nach Situation - nicht zu unterschätzen - tatsächlich im realen Leben viel ausmachen.

 

Ich hatte aber Mut gefasst und dachte so ein bisschen (was man normalerweise nicht machen sollte), dass ich ja schon sehr oft, wirklich schon - ja zugegebenermaßen sage ich das selber, aber wenn es so ist - in Richtung außergewöhnlich oft in diesem Café gegangen bin UND vielleicht ich es einmal versuchen könnte. Ich ging also auf eine Sache ein...

 

Während ich in meinem Stammcafé saß, guckte ich aus dem Fenster und hatte auch gleichzeitig aber heute Lust, endlich diese dritte Kugel Eis von dem erst genannten Eiscafé auszuprobieren (ich sehe mich nicht unbedingt als verwöhnt, als das Essen und Trinken für mich einen persönlich einfach einen immens hohen Stellenwert hat. Wenn ich eine Chance für Genuss sehe, ergreife ich sie je nach Situation sofort). Mir war aber klar, dass ich aber einen blöden Umweg machen muss, um nach dem Besuch in meinem Stammcafé für die dritte Kugel Eis Geld abheben zu können (mein Geldautomat befindet sich an einer ungünstigen Stelle, wo man weit laufen muss und es gibt keinen anderen Automaten in der Nähe, blöd gemacht).

Da war ich also nun und überprüfte nochmal zur Sicherheit auf der Speisekarte die Zahlen, und es war wirklich so, wie ich es vermutete - 20 Cent zu wenig. Anwesend in diesem Café waren heute ein relativ neuer junger Kellner und der andere erfahrenere Kellner, den ich schon von Anfang an kannte und der vielleicht der Vizechef in dem Café sein könnte - nur ausnahmsweise werde ich ihn mal in diesem Text zum Verständnis

"Vizechef" nennen. Der "Vizechef" kam auch heute zu mir und fragte, was ich gerne heute hätte. Mir fiel es nicht so leicht und sagte schon von Anfang an, dass ich am liebsten zwar gerne den "Espresso macchiato Indien" bestellen würde, ich aber heute leider nicht so viel Geld dabei habe.

 

In dem Moment sah ich ein Film in meinem Kopf blitzschnell abspulen. Es war so eine Art Déja Vu. Bei dieser Sequenz sah ich, wie der Kellner sagen würde: "Bestellen Sie dann doch den Espresso Indien". Ich wusste irgendwie, dass das sowas war, was ich schon öfter in letzter Zeit erlebt habe: Diese Art.

 

Tatsächlich wieder zurück zu unserer Realität ließ der Kellner mich nicht zu Ende reden, winkte mit der Hand ab und sagte: "Du bekommst deinen Espresso macchiato."

 

Mir war es total peinlich, ich wusste nicht, wie ich genau reagieren soll, aber war aufgrund meiner Erfahrungen meiner sonstigen Situationen im Alltag diesmal nicht so unbeholfen wie vielleicht sonst. Der Espresso macchiato kam - wie immer - auch heute schnell auf meinem Tisch. Ich versuchte, ein Gefühl von Dankbarkeit zu fühlen, aber es gelang mir zunächst nicht, es brauchte vielleicht erstmal Zeit.

 

Ich hatte daraufhin diese ungewohnte Situation langsam allmählich für mich akzeptieren können und war auch dementsprechend langsam freudiger. Nach einiger Zeit kam wieder der Vizechef zu mir und kam mit einem Teller von einem Schoko-Cookie auf einer Serviette: "So, das bekommst du auch." Ich war wieder sprachlos und nahm auch diese Situation langsam und allmählich an.

 

Nachdem ich den Espresso macchiato ausgetrunken hatte und den Schokokeks gegessen habe, wollte ich meine Hände waschen und sagte dem Vizechef Bescheid, auch da reagiert er absolut gleichgültig widerstandslos. Ich machte mir meine Gedanken, wie ich mich bei der Bezahlung von all dem verhalten soll... Was soll ich bitte nach der Nummer zu dem Kellner sagen? Wie soll ich mich nach dieser Geschichte ausdrücken?!

 

Ich kam wieder zurück auf meinem Tisch, und als der Vizechef wieder zu meinem Tisch kam, sagte ich, dass ich gerne die Rechnung hätte. Er machte so eine Mimik, wie ich verstehen konnte, dass er gleich kommt. Ich wartete und wartete. Es lief schöne Musik, wirklich nicht irgendeine Musik, sondern wirklich ernsthaft echt stilvolle Musik, die auch meinem wählerischen Geschmack tatsächlich entsprach.

Ich wartete und wartete, hörte diese Musik und genoss sie auch, aber fragte mich langsam, ob der Kellner mich vergessen hätte. Ich wollte aber auch nicht unhöflich sein, vielleicht, weil er mir einen Gefallen getan hat, lässt er sich wenigstens hier bei der Rechnung etwas Zeit und macht es sich bequem - ich meine - er hat ja auch selber genug zu tun. Irgendwann, aber doch, dachte ich, kam der Moment, den Vizechef vielleicht doch noch einmal wegen der Rechnung anzusprechen. Ich fragte den Vizechef erneut, wann er wegen der Rechnung kommen kann und er machte wieder so einen Wink, als wäre das einfach nur selbstverständlich und schüttelte den Kopf: "Bezahl mit dem Geld was anderes."

Ich konnte das zuerst nicht glauben und wollte mein Geld tatsächlich ihm geben, aber er sagte nochmal: "Bezahl mit dem Geld was anderes."

 

Daraufhin bedankte ich mich, und wusste - als ob das der Kellner von Anfang an vielleicht wusste - was ich jetzt mit genau diesem Geld machen würde: Ich verließ das Café und ging zu dem Eiscafé, bezahlte die dritte Kugel Eis und ersparte mir dabei den Umweg zu diesem Geldautomaten.