Was ist heutzutage schon ein Charakter?

Heute hatte mich ein Freund gefragt: "Sag mal Martin, welche Persönlichkeitsstile hast du denn? Bist du "sprunghaft", "sensibel" oder "selbstbewusst", "dramatisch"? Wie kann man dich beschreiben?" Und so bin ich heute zu der Frage gekommen, die ich mir schon seit eigentlich meinen ganzen Leben stelle, die Antwort: Ich weiß es nicht.

 

Ich kann mich nämlich erinnern, als ich 6,7 oder 8 Jahre alt war, stand ich vor dem Spiegel im Badezimmer, schaute mich an und hatte mich gefragt: "Martin, was für ein Charakter hast du?"

 

In der Kunst habe ich gelernt, dass man als Künstler in seiner Musik einen eigenen Stil haben sollte, den man wiedererkennen kann. Große Komponisten wie Debussy, Chopin oder Beethoven: Jeder von ihnen hatte einen eigenen Stil, der jedoch auch zudem noch weit umfangreich war. Das heißt, man hat zwar einen eigenen Stil, den man wiedererkennen kann, aber innerhalb dieses großen Stiles ist so viel Raum, so viel Platz, dass jede Musik eines nur einzigen Künstlers durchaus abwechslungsreich ist und sein kann.

 

Heute war ich kurz vorm endgültigen Beschluss: Vielleicht ist ja genau DAS mein Stil, dass ich eben nicht weiß, was für ein Stil ich habe, dass es eben immer bei mir unberechenbar ist, dass meine Welt vielleicht so groß ist, dass man nicht mehr sagen kann, dass "dies" oder "jenes" mein Stil wäre. Und ich habe über 1 Stunde am Mittag deshalb auf meinem Keyboard rumimprovisiert und tatsächlich war der Umfang der verschiedenen Atmosphären und Gefühle so derart groß, dass man das vielleicht wirklich glauben könnte...

 

Dialog

Ich hatte heute Nachmittag ein interessantes Gespräch mit einer Ansprechpartnerin. Ich sagte ihr, dass ich schon immer als Kind eigentlich einen Verhaltenszug von anderen Menschen quasi kopiert und übernommen habe, dass eigentlich alles, was ich mache, eine angeeignete Verhaltensweise von anderen ist und ich es quasi für mich jetzt so nutze. Zum Beispiel: Wenn ich lache, denke ich an meinen Mathelehrer von der Schule, der so ähnlich gelacht hat, oder wenn ich die Hand schüttele, denke ich an einen anderen Menschen in meiner Vergangenheit, der auf genau dieser ähnlichen Art die Hand geschüttelt hat.

Da sagte die Ansprechpartnerin: "Herr Stötzer: Es ist normal, dass Kinder die Verhaltensweisen von anderen übernehmen, Kinder haben ja schließlich Vorbilder."

Daraufhin sie nochmal: "Herr Stötzer, was ich noch hinzufügen wollte: Manchmal oder sogar oft ist es so, dass Kinder das Verhalten der eigenen Eltern automatisch übernehmen und sie dann als Erwachsener ein bestimmtes Verhalten der Eltern daraufhin mit sich tragen."

So entgegnete ich: "Also, wenn ich an meinen Vater denke oder an meine Mutter... Ich wüsste nicht, wie ich sie beschreiben könnte... Ich finde meine Eltern ebenfalls nicht einseitig, wenn ich z.B. an meine Mutter denke: Sie war zuerst Übersetzerin / Dolmetscherin bei den Sprachen Japanisch und Deutsch, dann war sie als selbstständige Betreiberin einer Sushibar in einem Kleidungsgeschäft tätig, anschließend wurde sie Hundefriseurin und aktuell macht sie wieder einen ganz anderen Beruf in Japan..."

Ich nochmal: "Was meinen Vater betrifft... er ist auch zumindest nicht einseitig. Er verdient als Arzt und nimmt gerne ironisches Verhalten an. Aber das, was er damit zeigt, ist eigentlich nur der Vordergrund. Denn z.B. hinter dem ironischen Lachen meines Vaters steckt eigentlich etwas anderes dahinter. Nebenbei gesagt, assoziiere ich bei meinem Vater aus Frag-mich-bitte-nicht-Gründen irgendwie die Farbe "blau".

Frau: "Und weshalb denken Sie bei ihrem Vater die Farbe blau?"

Ich: "Weil ich bei diesem "blau" die zum einen männliche und die zum anderen die Ruhe der Selbstbeherrschung bzw. die irgendwie ruhige Selbstkontrolle sehe. Bei einer anderen Person, einer Bekannten von mir, sehe ich anders hingegen die Farbe "gelb".

Schließlich fielen mir noch weitere Eigenheiten in mir auf, und ich erwähnte: "Wenn ich bestimmte Dinge sehe, dann verarbeite ich diese mit meinen Augen und sehe Bilder im Kopf, und manchmal stelle ich mir auch mal ein eigenes Video dazu vor. Oft denke ich: Hätten sie das doch mal im Kino drehen können!

Frau: "Aha..."

Schließlich wurden wir zwar im Verlauf des Gespräches bei meinem eigenen wahren Charakter nicht ganz einig, aber zum Schluss fügte ich noch etwas melancholisch hinzu: "Komisch ist, dass ich eigentlich meinte, gewusst zu haben, was mein richtiger Charakter sei: Vor paar Monaten, vielleicht noch vor fast einem halben Jahr hatte ich irgendwie für mich entschieden, war auch sicher, dass ich im Zentrum vom Charakter her "Quatsch mache", "Ärger mache" und "Dinge durcheinander bringe". Als Kind bekam ich nämlich oft Ärger und habe viel Blödsinn angestellt."

Frau: "Natürlich, hat doch jedes Kind sicher schon mal gemacht."

Ich: "Es kann sein, dass der Ärger mir zu arg zuwider wurde, dass ich das aus heutiger Sicht NICHT als meinen Charakter fest einstufe, es kann aber genauso gut sein, dass ich eben tatsächlich so viel "Blödes" und "Falsches" angestellt habe, dass ich das als meinen WAHREN Charakter ansehe. Aber auch an diesem Tag war mir klar: Ich wollte mich nicht an etwas bestimmtes Hängen, Klammern oder mich zu einseitig machen, meine Welt soll groß erscheinen."

Ja, was man an dieser Stelle noch sagen kann: Es passt ja alles zusammen! Jeden Tag höre ich im Radio, jeden Tag bekomme ich im Fernsehen dies oder jenes mit. Was ist eigentlich heute schon bei manchen Leuten oder besonderen Typen ein Charakter? Wir werden vollgespült mit Medien, im Internet ist alles globalisiert (!!), wir reisen irgendwo hin - wir bekommen so viel, gemessen in nur Minibruchteilen von einer Sekunde, in so kurzer Zeit so viel mit. Da kann man sich das ja auch wirklich irgendwo fragen!

Ich bin mir sicher, dass das nicht nur für mich gilt, sondern auch einigen anderen auf dieser Welt.

 

Man ist ja auch zudem durchaus unberechenbarer und auch vielseitiger, als man oft über sich denkt!

 

Ich habe jetzt schon die Vermutung, dass dieses Thema etwas ist, was ich nie in meinem Leben endgültig klären kann. Ich werde mich immer und immer wieder damit befassen müssen, und mir dazu neue Fragen stellen! In dem Sinne: Sucht euch neue Felder, schränkt euch nicht zu sehr ein, macht einfach das, was ihr wollt und lasst euch nicht von anderen zu sehr beeinflussen.

 

Und aber: Take it easy :) ^^